edition:conrad:007

Differences

This shows you the differences between two versions of the page.

Link to this comparison view

Both sides previous revision Previous revision
edition:conrad:007 [2011/01/30 01:37]
selfthinker linked state inquisitors
edition:conrad:007 [2011/01/30 01:48] (current)
selfthinker linked Slavonia
Line 3: Line 3:
 [<>] [<>]
  
-In der Festung, worin die Republik für gewöhnlich nur eine Garnison von hundert slavonischen Invaliden unterhielt, befanden sich damals zweitausend Albansen, sogenannte Cimarioten. Der Kriegsminister,​ in der Republik, wie ich bereits erwähnte, unter dem Titel eines Weisen der Schrift bezeichnet, hatte sie ihrer Beförderung wegen aus der Levante kommen lassen. Die Offiziere sollten imstande sein, ihre Verdienste selber geltend zu machen, um dafür ihre Belohnungen zu erhaben. Sie stammten alle aus jenem der Republik gehörigen Teile von Epirus, den man Albanien nennt. Fünfundzwanzig Jahre vorher hatten sie sich in dem letzten Kriege ausgezeichnet,​ den die Republik gegen die Türken führte. Sie boten mir ein neues und überraschendes Beispiel dar: ich sah achtzehn bis zwanzig alte, aber rüstige Offiziere, Gesicht und Brust, die sie in kriegerischem Stolze entblößt trugen, mit Narben bedeckt. Besonders der Oberstleutnant zeichnete sich durch seine Wunden aus, denn ihm fehlte tatsächlich ein Viertel des Kopfes. Er hatte nur ein Auge und ein Ohr, und von der Kinnlade war überhaupt nichts mehr zu sehen. Trotzdem aß und sprach er sehr gut und war von fröhlichem Humor. Bei ihm befand sich seine ganze Familie, bestehend aus zwei hübschen Mädchen, die in ihrer Landestracht besonders interessant waren, und aus sieben Söhnen, die sämtlich Soldaten waren. Er war sechs Fuß hoch, prachtvoll gewachsen, aber wegen seiner entsetzlichen Narben so häßlich von Gesicht, daß er fürchterlich anzusehen war. Trotzdem fand ich an ihm etwas so Anziehendes,​ daß ich ihn auf den ersten Blick liebgewann; und ich hätte mich mit ihm sehr gern unterhalten,​ wenn nicht sein Mund beim Sprechen einen so starken Knoblauchgeruch ausgeströmt hätte. Alle diese Albanesen hatten stets die Taschen voll davon, und eine Knoblauchzehe ist für sie ungefähr dasselbe, wie für uns ein Zuckerplätzchen. Kann man hiernach behaupten, daß dieses Kraut ein Gift sei? Die einzige medizinische Eigenschaft,​ die es besitzt, besteht darin, daß es den Appetit belebt, indem es einem geschwächten Magen Spannkraft gibt.+In der Festung, worin die Republik für gewöhnlich nur eine Garnison von hundert ​[[glossary:​slavonia|slavonischen]] Invaliden unterhielt, befanden sich damals zweitausend Albansen, sogenannte Cimarioten. Der Kriegsminister,​ in der Republik, wie ich bereits erwähnte, unter dem Titel eines Weisen der Schrift bezeichnet, hatte sie ihrer Beförderung wegen aus der Levante kommen lassen. Die Offiziere sollten imstande sein, ihre Verdienste selber geltend zu machen, um dafür ihre Belohnungen zu erhaben. Sie stammten alle aus jenem der Republik gehörigen Teile von Epirus, den man Albanien nennt. Fünfundzwanzig Jahre vorher hatten sie sich in dem letzten Kriege ausgezeichnet,​ den die Republik gegen die Türken führte. Sie boten mir ein neues und überraschendes Beispiel dar: ich sah achtzehn bis zwanzig alte, aber rüstige Offiziere, Gesicht und Brust, die sie in kriegerischem Stolze entblößt trugen, mit Narben bedeckt. Besonders der Oberstleutnant zeichnete sich durch seine Wunden aus, denn ihm fehlte tatsächlich ein Viertel des Kopfes. Er hatte nur ein Auge und ein Ohr, und von der Kinnlade war überhaupt nichts mehr zu sehen. Trotzdem aß und sprach er sehr gut und war von fröhlichem Humor. Bei ihm befand sich seine ganze Familie, bestehend aus zwei hübschen Mädchen, die in ihrer Landestracht besonders interessant waren, und aus sieben Söhnen, die sämtlich Soldaten waren. Er war sechs Fuß hoch, prachtvoll gewachsen, aber wegen seiner entsetzlichen Narben so häßlich von Gesicht, daß er fürchterlich anzusehen war. Trotzdem fand ich an ihm etwas so Anziehendes,​ daß ich ihn auf den ersten Blick liebgewann; und ich hätte mich mit ihm sehr gern unterhalten,​ wenn nicht sein Mund beim Sprechen einen so starken Knoblauchgeruch ausgeströmt hätte. Alle diese Albanesen hatten stets die Taschen voll davon, und eine Knoblauchzehe ist für sie ungefähr dasselbe, wie für uns ein Zuckerplätzchen. Kann man hiernach behaupten, daß dieses Kraut ein Gift sei? Die einzige medizinische Eigenschaft,​ die es besitzt, besteht darin, daß es den Appetit belebt, indem es einem geschwächten Magen Spannkraft gibt.
  
 Der Oberstleutnant konnte weder lesen noch schreiben, aber er schämte sich dessen nicht; denn mit Ausnahme des Priesters und Wundarztes besaß niemand dieses Talent. Alle, Offiziere wie Soldaten, hatten die Taschen voll Gold, und mindestens die Hälfte von ihnen war verheiratet. Es befanden sich daher in der Festung fünf- oder sechshundert Frauen und ein stattlicher Nachwuchs von Kindern. Dieses für mich neue Schauspiel interessierte mich sehr. Glückliche Jugend! Ich denke an dich mit Bedauern, weil du mir oft Neues botest. Darum verabscheue ich das Alter, das mir nur immer Bekanntes bringt – allenfalls abgesehen von dem oft Unerfreulichen und Furchtbaren,​ was in den Zeitungen steht, aus denen ich mir damals sehr wenig machte. Der Oberstleutnant konnte weder lesen noch schreiben, aber er schämte sich dessen nicht; denn mit Ausnahme des Priesters und Wundarztes besaß niemand dieses Talent. Alle, Offiziere wie Soldaten, hatten die Taschen voll Gold, und mindestens die Hälfte von ihnen war verheiratet. Es befanden sich daher in der Festung fünf- oder sechshundert Frauen und ein stattlicher Nachwuchs von Kindern. Dieses für mich neue Schauspiel interessierte mich sehr. Glückliche Jugend! Ich denke an dich mit Bedauern, weil du mir oft Neues botest. Darum verabscheue ich das Alter, das mir nur immer Bekanntes bringt – allenfalls abgesehen von dem oft Unerfreulichen und Furchtbaren,​ was in den Zeitungen steht, aus denen ich mir damals sehr wenig machte.
edition/conrad/007.txt · Last modified: 2011/01/30 01:48 by selfthinker