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 Endlich öffnete sie zum erstenmal wieder ihre schönen Augen; man legte sie in ein frisches Bett und trug sie in ihre Kammer; doch mußte sie noch bis Ostern das Bett hüten. Sie impfte mir einige Pocken ein, von denen drei auf meinem Gesicht unverwischbare Spuren zurückgelassen haben. Aber sie machten mir Ehre bei Bettina, denn sie waren ein Zeichen meiner treuen Pflege, und sie erkannte jetzt an, daß ich ihre ausschließliche Zärtlichkeit verdiene. Darum liebte sie mich von nun an ohne jede Verstellung,​ und ich liebte sie ebenso zärtlich, ohne jedoch eine Blume zu pflücken, die das Schicksal im Bunde mit dem Vorurteil für die Ehe aufbewahrte. Aber für was für eine jämmerliche Ehe! Zwei Jahre später heiratete Bettina einen Schuster, namens Pigozzo, einen gemeinen Schuft, der sie arm und unglücklich machte, so daß ihr Bruder, der Doktor, sie von ihm fortnehmen und für sie sorgen mußte. Als der gute Doktor fünfzehn Jahre darauf zum Erzpriester der Kirche von San Giorgio di Piano gewählt wurde, nahm er sie mit. Dort traf ich, als ich vor achtzehn Jahren ihn besuchte, Bettina als alte und todkranke Frau. Sie verschied vor meinen Augen im Iahre 1776, vierundzwanzig Stunden nach meiner Ankunft in ihrem Hause. Ich werde von diesem Todesfall noch sprechen, wenn ich so weit bin. Endlich öffnete sie zum erstenmal wieder ihre schönen Augen; man legte sie in ein frisches Bett und trug sie in ihre Kammer; doch mußte sie noch bis Ostern das Bett hüten. Sie impfte mir einige Pocken ein, von denen drei auf meinem Gesicht unverwischbare Spuren zurückgelassen haben. Aber sie machten mir Ehre bei Bettina, denn sie waren ein Zeichen meiner treuen Pflege, und sie erkannte jetzt an, daß ich ihre ausschließliche Zärtlichkeit verdiene. Darum liebte sie mich von nun an ohne jede Verstellung,​ und ich liebte sie ebenso zärtlich, ohne jedoch eine Blume zu pflücken, die das Schicksal im Bunde mit dem Vorurteil für die Ehe aufbewahrte. Aber für was für eine jämmerliche Ehe! Zwei Jahre später heiratete Bettina einen Schuster, namens Pigozzo, einen gemeinen Schuft, der sie arm und unglücklich machte, so daß ihr Bruder, der Doktor, sie von ihm fortnehmen und für sie sorgen mußte. Als der gute Doktor fünfzehn Jahre darauf zum Erzpriester der Kirche von San Giorgio di Piano gewählt wurde, nahm er sie mit. Dort traf ich, als ich vor achtzehn Jahren ihn besuchte, Bettina als alte und todkranke Frau. Sie verschied vor meinen Augen im Iahre 1776, vierundzwanzig Stunden nach meiner Ankunft in ihrem Hause. Ich werde von diesem Todesfall noch sprechen, wenn ich so weit bin.
  
-Etwa um diese Zeit kam meine Mutter von St. Petersburg zurück, wo die Kaiserin Anna Iwanowna die italienische Komödie nicht unterhaltend genug fand. Die ganze Truppe war wieder in Italien, und meine Mutter hatte die Reise in Gesellschaft des Harlekins Carlino Bertinazzi gemacht, der 1783 in Paris starb. Kaum in Padua eingetroffen,​ ließ sie dem Doktor Gozzi ihre Ankunft melden, und dieser eilte mit mir in das Gasthaus, wo sie wohnte. Wir aßen zusammen, und beim Abschied schenkte sie dem Dortor einen schönen Pelz und gab mir für Bettina ein schönes Luchsfell. Sechs Monate später ließ sie mich nach Venedig kommen, um mich vor ihrer Abreise nach Dresden noch einmal zu sehen. Sie war auf Lebenszeit für das Theater des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, August des Dritten, engagiert. Sie nahm meinen damals achtjährigen Bruder Giovanni mit, der bei der Abreise wie ein Verzweifelter weinte, weswegen ich ihn für einen großen Dummkopf hielt, denn bei dieser Abreise war wirklich nichts Tragisches. Er ist der einzige von unserer Familie, der sein Glück ganz und gar meiner Mutter zu verdanken hatte, obwohl er nicht ihr Liebling war.+Etwa um diese Zeit kam meine Mutter von St. Petersburg zurück, wo die Kaiserin Anna Iwanowna die italienische Komödie nicht unterhaltend genug fand. Die ganze Truppe war wieder in Italien, und meine Mutter hatte die Reise in Gesellschaft des Harlekins Carlino Bertinazzi gemacht, der 1783 in Paris starb. Kaum in Padua eingetroffen,​ ließ sie dem Doktor Gozzi ihre Ankunft melden, und dieser eilte mit mir in das Gasthaus, wo sie wohnte. Wir aßen zusammen, und beim Abschied schenkte sie dem Dortor einen schönen Pelz und gab mir für Bettina ein schönes Luchsfell. Sechs Monate später ließ sie mich nach [[glossary:​Venice|Venedig]] kommen, um mich vor ihrer Abreise nach Dresden noch einmal zu sehen. Sie war auf Lebenszeit für das Theater des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, August des Dritten, engagiert. Sie nahm meinen damals achtjährigen Bruder Giovanni mit, der bei der Abreise wie ein Verzweifelter weinte, weswegen ich ihn für einen großen Dummkopf hielt, denn bei dieser Abreise war wirklich nichts Tragisches. Er ist der einzige von unserer Familie, der sein Glück ganz und gar meiner Mutter zu verdanken hatte, obwohl er nicht ihr Liebling war.
  
 Hierauf verbrachte ich noch ein Jahr in Padua, um die Rechte zu studieren; im Alter von sechzehn Iahren wurde ich Doktor; mein Thema im bürgerlichen Recht lautete: <q :la>De Testamentes ((Die Testamente))</​q>;​ im kanonischen Recht: <q :​la>​Utrum Hebraei possint construere novas synagogas ((Dürfen die Juden neue Synagogen bauen?​))</​q>​. Mein Beruf war das Studium und die Ausübung der Heilkunst, denn zu diesem Beruf fühlte ich eine starke Hinneigung. Aber es wurde nicht auf mich gehört, man verlangte von mir, daß ich mich dem Studium der Gesetze widmete, gegen die ich innerlich eine unüberwindliche Abneigung hatte. Man behauptete, ich könnte mein Glück nur machen, wenn ich Advokat würde – und was noch schlimmer war: geistlicher Advokat. Wäre man vernünftig gewesen, so hätte man mich meiner Neigung folgen lassen, und ich wäre Arzt geworden, hätte also einen Beruf ergriffen, wo man mit Scharlatanerie noch mehr ausrichten kann als im Advokatenstande. Ich bin weder Advokat noch Arzt geworden, und anders konnte es auch nicht kommen. Freilich ist dies der Grund, warum ich niemals etwas von Advokaten wissen wollte, wenn ich Ansprüche vor Gericht zu vertreten hatte, und ebensowenig je einen Arzt rief, wenn ich krank war. Das Rechtswesen richtet viele Familien zugrunde und verhilft nur wenigen zu dem ihrigen; und durch die Ärzte kommen viel mehr Menschen um, als mit ihrer Hilfe gesund werden. Dies scheint mir dafür zu sprechen, daß die Welt viel weniger unglücklich sein würde, wenn es weder diese noch jene gäbe. Hierauf verbrachte ich noch ein Jahr in Padua, um die Rechte zu studieren; im Alter von sechzehn Iahren wurde ich Doktor; mein Thema im bürgerlichen Recht lautete: <q :la>De Testamentes ((Die Testamente))</​q>;​ im kanonischen Recht: <q :​la>​Utrum Hebraei possint construere novas synagogas ((Dürfen die Juden neue Synagogen bauen?​))</​q>​. Mein Beruf war das Studium und die Ausübung der Heilkunst, denn zu diesem Beruf fühlte ich eine starke Hinneigung. Aber es wurde nicht auf mich gehört, man verlangte von mir, daß ich mich dem Studium der Gesetze widmete, gegen die ich innerlich eine unüberwindliche Abneigung hatte. Man behauptete, ich könnte mein Glück nur machen, wenn ich Advokat würde – und was noch schlimmer war: geistlicher Advokat. Wäre man vernünftig gewesen, so hätte man mich meiner Neigung folgen lassen, und ich wäre Arzt geworden, hätte also einen Beruf ergriffen, wo man mit Scharlatanerie noch mehr ausrichten kann als im Advokatenstande. Ich bin weder Advokat noch Arzt geworden, und anders konnte es auch nicht kommen. Freilich ist dies der Grund, warum ich niemals etwas von Advokaten wissen wollte, wenn ich Ansprüche vor Gericht zu vertreten hatte, und ebensowenig je einen Arzt rief, wenn ich krank war. Das Rechtswesen richtet viele Familien zugrunde und verhilft nur wenigen zu dem ihrigen; und durch die Ärzte kommen viel mehr Menschen um, als mit ihrer Hilfe gesund werden. Dies scheint mir dafür zu sprechen, daß die Welt viel weniger unglücklich sein würde, wenn es weder diese noch jene gäbe.
edition/conrad/003.txt · Last modified: 2011/01/09 21:51 by selfthinker