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(Unangenehme Nacht. — Ich verliebe mich in die beiden Schwestern und vergesse Angela. — Ball bei mir; Julia wird gedemütigt. — Meine Rückkehr nach Paseano. — Die unglückliche Lucia. — Günstiger Sturm.) § comment

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Als ich wieder im Salon war, dankte Frau Orio mir tausendmal und sagte mir, in Zukunft müsse ich mir alle Rechte eines Hausfreundes zunutze machen; hierauf verbrachten wir vier Stunden mit Lachen und Scherzen. Als es Zeit zum Abendessen war, brachte ich so geschickte Entschuldigungen hervor, daß Frau Orio sie gelten lassen mußte. Martina nahm die Lampe, um mir hinunter zu leuchten; die Tante aber gab in dem Glauben, daß Nannetta die von mir bevorzugte sei, dieser so energischen Befehl mich zu begleiten, daß sie gehorchen mußte. Schnell läuft sie die Treppe hinunter, öffnet die Tür, schlägt sie geräufchvoll wieder zu, bläst die Lampe aus und geht wieder hinauf, mich im Dunkel lassend. Leise steige ich die Treppen hinauf bis zum dritten Stock, gehe in das Zimmer der jungen Damen, setze mich auf ein Sofa und erwarte die glückliche Schäferstunde.  comment

So verweilte ich ungefähr eine Stunde in den süßesten Träumereien; endlich hörte ich die Haustür sich öffnen und wieder schließen, und einige Minuten später sah ich die beiden Schwestern und meine Angela eintreten. Ich zog sie an mich, und alles andere außer ihr vergessend, sprach ich mit ihr zwei volle Stunden lang. Es schlägt Mitternacht; die jungen Mädchen bedauern mich, daß ich nicht zu Abend gegessen hätte; aber ihr Mitleid erscheint mir als eine Beleidigung – ich antworte, im Schoß des Glückes könne ich mich von keinem Bedürfnis belästigt fühlen. Sie sagen mir, ich sei Gefangener; der Hausschlüssel liege unter dem Kopfkissen der Tante, die die Tür erst öffne, wenn sie zur Frühmesse gehe. Ich zeige mich erstaunt, daß sie glauben können, dies sei eine schlechte Nachricht für mich; ich sei im Gegenteil froh darüber, daß ich fünf Stunden vor mir habe und sicher bin, diese mit meinem angebeteten Mädchen zu verbringen. Eine Stunde später fängt Nannetta an zu lachen; Angela will den Grund wissen; Martina sagt ihr etwas ins Ohr und fängt dann ebenfalls an zu lachen. Ich werde neugierig und wünsche nun auch die Ursache ihrer Heiterkeit zu erfahren; endlich sagt mir Nannetta mit scheinbar trauriger Miene, sie hätten keine andere Kerze und in wenigen Augenblicken würden wir im Dunkeln sein. Diese Nachricht erfüllt mich mit Entzücken; aber ich verberge dieses und sage ihnen, es tue mir ihretwegen leid. Ich schlage ihnen vor, sie möchten sich ruhig zu Bett legen und schlafen; sie könnten sich darauf verlassen, daß ich sie achten würde. Uber diesen Vorschlag lachten sie nur.  comment

»Was sollen wir denn im Dunkeln machen?«  comment

»Wir werden plaudern.«  comment

Wir waren selbviert; drei Stunden dauerte nun schon unser Gcspräch, und ich war der Held des Stückes. Die Liebe ist ein großer Dichter: ihr Stoff ist unerschöpfbar; aber wenn sie das Ziel, auf das sie es abgesehen hat, niemals herankommen sieht, wird sie müde und verstummt. Meine Angela hörte mir zu; aber da sie überhaupt wortkarg war, antwortete sie mir nur selten, und in ihren Antworten war mehr gesunder Menschenverstand als Geist. Um meine Beweisgründe zu widerlegen, warf sie mir oft nur ein Sprichwort hin – wie die alten Römer mit ihren Katapulten schossen. Sie beugte sich zurück oder stieß mit der unangenehmsten Sanftmut meine Arme und Hände zurück, so oft meine Liebe diese zu Hilfe rief. Trotz alledem sprach und gestikulierte ich immer weiter, ohne den Mut zu verlieren; aber ich war in Verzweiflung, als ich bemerkte, daß meine allzu scharfsinnigen Argumente sie nur betäubten, anstatt sie zu überzeugen; daß sie wohl ihr Herz ein wenig erschütterten, es aber nicht zu erweichen vermochten. Andererseits war ich ganz erstaunt, den Gesichtern der beiden Schwestern anzusehen, daß meine auf Angela abgeschossenen Pfeile sie getroffen hatten. Diese metaphysische Kurve erschien mir widernatürlich zu sein; es hätte ein Winkel sein müssen. Unglücklicherweise studierte ich damals Geometrie. Die Situation ergriff mich dermaßen, daß ich trotz der kalten Jahreszeit große Tropfen schwitzte. Endlich war die Kerze dem Verlöschen nahe, und Nannetta stand auf, um sie hinauszutragen.  comment

Sobald es dunkel war, streckte ich natürlich die Arme aus, um den Gegenstand zu erfassen, nach dem meine Seele verlangte; als ich aber nichts fand, lachte ich darüber, daß Angela rechtzeitig den Augenblick benutzt hatte, um sich von mir nicht überraschen zu lassen. Eine Stunde lang sagte ich ihr, damit sie sich wieder zu mir setzte, alles mögliche Lustige und Zärtliche, was die Liebe mir einflößen konnte. Es schien mir unmöglich zu sein, daß ihr Benehmen nicht ein bloßer Scherz wäre. Endlich aber mischte die Ungeduld sich hinein, und ich rief aus: »Der Spaß dauert zu lang! Er ist unnatürlich, denn ich kann Ihnen nicht nachlaufen; es wundert mich, daß ich Sie nicht lachen höre; denn wenn Sie sich so sonderbar benehmen, kann ich nur annehmen, daß Sie sich über mich lustig machen. Also setzen Sie sich, und da ich mit Ihnen sprechen muß, ohne Sie zu sehen, so gestatten Sie mir, mit meinen Händen mich zu überzeugen, daß ich nicht mit der Luft spreche. Sie müssen fühlen, daß Sie mich beschimpfen, wenn Sie sich über mich lustig machen; und die Liebe, glaube ich, darf nicht durch Beschimpfungen auf die Probe gestellt werden.«  comment

»Nun, beruhigen Sie sich nur! Ich höre alles und verliere kein Wort von dem, was Sie sagen; aber Sie müssen fühlen, daß ich anständigerweise in dieser Dunkelheit mich nicht neben Sie setzen kann«  comment

»Sie verlangen also, daß ich bis Tagesanbruch hier so sitzen soll?«  comment

»Legen Sie sich auf das Bett und schlafen Sie.«  comment

»Ich bewundere Sie, daß Sie das für möglich halten und glauben, daß es sich mit meiner Glut verträgt. Wissen Sie was? Ich will lieber annehmen, daß wir Blindekuh spielen!«  comment

Ich sprang auf und begann die Kreuz und Quer im Zimmer sie zu suchen, aber immer vergeblich. Wenn ich jemanden faßte, war es immer Nannetta oder Martina, die sich stets sofort zu erkennen gaben; und augenblicklich ließ ich dummer Don Quijote sie los. Aus Liebe und Vorurteil fühlte ich nicht, wie lächerlich dieser Respekt war. Die Anekdoten vom französischen König Ludwig dem Dreizehnten hatte ich noch nicht gelesen; aber ich hatte Boccaccio gelesen. Ich suchte Angela immer weiter, indem ich ihr Härte vorwarf und ihr vorstellte, sie müßte sich doch endlich einmal finden lassen; aber sie antwortete mir, es sei natürlich für sie ebenso schwierig, mich zu finden. Das Zimmer war nicht groß, und ich war wütend, daß ich sie nicht erwischen konnte.  comment

Ich war nicht gerade müde, aber es langweilte mich; ich setzte mich hin und erzählte eine Stunde lang die Geschichte von Ruggiero, dem seine Angelica entschwand, als der verliebte Ritter in allzu großen Einfalt ihr den Zauberring gegeben hatte:  comment

Cosi dicendo, intorno alla fortuna,
Brancolando n'andava come cieco.
O quante volte abbraccio l'aria vana
Sperando la donzella abbracciar seco! 1)  comment

Angela kannte Ariost nicht, aber Nannetta hatte ihn mehrere Male gelesen. Sie ergriff die Verteidigung Angelicas und sagte, schuld habe nur die Einfalt Ruggieros; wenn er vernünftig gewesen wäre, hätte er niemals der Koketten den Ring anvertrauen dürfen. Nannetta entzückte mich; aber ich war noch zu sehr Neuling, um die Betrachtungen anzustellen, die mich hätten zur Besinnung bringen müssen.  comment

Ich hatte nur noch eine einzige Stunde vor mir, denn wir durften nicht warten, bis es Tag wurde; Frau Orio wäre lieber gestorben, als daß sie die Messe versäumt hätte. Ich brachte also diese letzte Stunde damit zu, ganz allein mit Angela zu sprechen, um sie zu überreden, ja zu überzeugen, daß sie sich zu mir setzen müßte. Meine Seele machte alle Grade der Höllenqual durch; der Leser wird sich von meinem Zustande keinen Begriff machen können, wenn er sich nicht selber im gleichen Fall befunden hat. Nachdem ich die überzeugendsten Gründe erschöpft hatte, ging ich zu Bitten über und endlich zu Tränen; als ich aber sah, daß alles unnütz war, da bemächtigte sich meiner jene edle Entrüstung, die den Zorn adelt. Ich hätte schließlich das stolze Ungeheuer, das mich fünf Stunden lang in der furchtbarsten Qual schmachten lassen konnte, schlagen mögen, wenn ich nicht im Dunkeln gewesen wäre. Ich sagte ihr alle Beleidigungen, die verschmähte Liebe einem zornigen Geist eingeben kann. Ich schmetterte sie mit sanatischen Verwünschungen zu Boden; ich schwor ihr, alle meine Liebe habe sich in Haß verwandelt, und zum Schluß sagte ich ihr, sie möchte sich vor mir in acht nehmen, denn ich würde sie ermorden, sobald sie mir vor die Augen käme.  comment

Mit der Dunkelheit hörten auch meine zornigen Reden auf. Als die ersten Strahlen der Morgensonne erschienen, klirrten der große Schlüssel und der Riegel der Haustür: Frau Orio öffnete die Tür, um wie jeden Tag in der Messe ihrer Seele die Ruhe zu schaffen, deren sie bedurfte. Da nahm ich Mantel und Hut, um zu gehen. Aber wie soll ich die Bestürzung schildern, die meine Seele erfaßte, als ich den Blick über die drei jungen Mädchen schweifen ließ und sie in Tränen zerfließen sah! Vor Scham und Verzweiflung außer mir, verspürte ich einen Augenblick Lust, mich selbst umzubringen; ich setzte mich wieder hin und warf mir meine Roheit vor, mit der ich die drei reizenden Mädchen zum Weinen gebracht hatte. Es war mir unmöglich ein Wort herauszubringen, das Gefühl erstickte mich; da kamen mir die Tränen zu Hilfe, und ich überließ mich ihnen mit Wonne. Nannetta sagte mir endlich, ihre Tante würde gleich zurückkommen; da trocknete ich meine Augen und eilte hinaus, ohne sie anzusehen und ohne ihnen ein Wort zu sagen. Ich legte mich zu Bett, konnte aber nicht Schlafen.  comment

Mittags fragte mich Herr von Malpiero, als er mich außerordentlich verändert sah, nach der Ursache; und da ich das Bedürfnis hatte, mein Herz zu erleichtern, sagte ich ihm alles. Der weise alte Herr lachte nicht, sondern goß mir durch vernünftige Betrachtungen Balsam in die Seele. Er sah sich mit seiner grausamen Teresa in demselben Falle wie ich. Bei Tisch mußte er doch lachen, als er mich die Speisen hinunterschlingen sah. Ich hatte nicht zu Abend gegessen, er beglückwünschte mich wegen meiner gesunden Konstitution.  comment

Da ich entschlossen war, nicht mehr zu Frau Orio zu gehen, beschädigte ich mich die nächsten Tage mit der Verteidigung eines metaphysischen Streitsatzes: ich behauptete, etwas, von dem man sich nur einen abstrakten Begriff machen könne, könne nur in der Theorie eristieren. Ich hatte recht; aber es war nicht schwer, meiner These eine Wendung zu geben, daß sie einen Anschein von Gottlosigkeit gewann, und ich wurde verurteilt, sie zu widerrufen. Einige Tage darauf begab ich mich nach Padua, wo ich zum Doctor utriusque juris promovierte.  comment

Nach Venedig zurückgekehrt, erhielt ich einen Brief von Herrn Rosa; er bat mich namens der Frau Orio, sie zu besuchen. Da ich sicher war, Angela nicht bei ihnen zu finden, ging ich am selben Abend hin, und die beiden liebenswürdigen Schwestern verscheuchten durch ihre Fröhlichkeit die Scham, die ich empfand, nach zwei Monaten wieder vor ihnen zu erscheinen. Meine These und mein Doktorexamen mußten als Entschuldigungen bei Frau Orio gelten, die mir nichts anderes vorzuwerfen hatte, als daß ich sie nicht mehr besuchte. Als ich fortging, übergab Nannetta mir einen Brief, der einen anderen von Angela enthielt; er lautete: »Wenn Sie den Mut haben noch eine Nacht mit mir zu verbringen, werden Sie sich nicht zu beklagen haben; denn ich liebe Sie und wünsche aus Ihrem eigenen Munde zu erfahren, ob Sie mich noch weiterhin geliebt haben würden, wenn ich eingewilligt hätte, mich verächtlich zu machen.«  comment

Der Brief Nannettas, die von den Mädchen die einzige war, die Geist hatte, lautete folgendermaßen: »Da Herr Rosa sich erboten hat, Sie zu einem neuen Besuch bei uns zu veranlassen, so halte ich diesen Brief bereit, um Ihnen mitzuteilen, daß Angela über Ihren Verlust in Verzweiflung ist. Ich gebe zu, daß die Nacht, die Sie mit uns verbrachten, grausam war; aber mir scheint, Sie hätten deshalb doch nicht den Entschluß fassen dürfen, nicht mehr zu uns zu kommen; zum mindesten hätten Sie Frau Orio besuchen können. Wenn Sie Angela noch lieben, so rate ich Ihnen: riskieren Sie noch eine Nacht. Vielleicht wird sie sich rechtfertigen, und die Sache wird zu Ihrer Zufriedenheit enden. Also kommen Sie! Leben Sie wohl.«  comment

Diese beiden Briefe erfreuten mich, denn sie eröffneten mir die angenehme Aussicht, mich an Angela durch die kälteste Verachtung rächen zu können. Am nächsten Festtage begab ich mich daher zu den Damen, mit zwei Flaschen Cyperwein und einer geräucherten Zunge in der Tasche; zu meiner großen Überraschung fand ich jedoch meine Grausame nicht anwesend. Nannetta brachte geschickt das Gespräch auf sie und sagte mir, Angela habe am Morgen in der Kirche zu ihr gesagt, sie könne erst zum Abendessen kommen. Hierauf rechnend, nahm ich Frau Orios Einladung zum Essen nicht an, sondern entfernte mich wie das erstemal, kurz bevor sie sich zu Tisch setzten, und begab mich nach dem verabredeten Ort. Ich konnte es kaum erwarten, die Rolle zu spielen, die ich mir genau überlegt hatte; denn ich war überzeugt, daß Angela, selbst wenn sie sich zu einem anderen Verhalten entschlossen hätte, mir doch nur leichte Gunstbezeigungen gewähren würde, und solche wollte ich nicht mehr; ich fühlte mich nur noch von einem heftigen Verlangen nach Rache beherrscht.  comment

Dreiviertel Stunden später höre ich die Haustür verschließen, und bald sehe ich Nannetta und Martina vor mir erscheinen.  comment

»Wo ist denn Angela?« fragte ich Nannetta.  comment

»Sie muß verhindert worden sein zu kommen, ja sogar uns Mitteilung zu machen. Und doch muß sie überzeugt sein, daß Sie hier sind.«  comment

»Sie glaubt mich angeführt zu haben; und ich war allerdings hierauf nicht gefaßt. Übrigens kennen Sie sie jetzt. Sie macht sich über mich lustig; sie triumphiert. Sie hat sich Ihrer bedient, um mich in die Falle zu locken. Und dazu kann sie sich gratulieren; denn wäre sie gekommen, so hätte ich mich über sie lustig gemacht.«  comment

»Oh! Daran gestatten Sie mir doch zu zweifeln!«  comment

»Zweifeln Sie nicht daran, schöne Nannetta! Sie werden davon überzeugt werden durch die angenehme Nacht, die wir ohne sie verbringen werden.«  comment

»Das kann ich sagen, daß Sie als geistvoller Mann sich mit einem Mißgeschick abzufinden wissen; aber Sie werden sich hier ins Bett legen und wir beide schlafen auf dem Kanapee im Nebenzimmer.«  comment

»Daran werde ich Sie nicht hindern; aber wenn Sie das täten, würden Sie mir einen sehr häßlichen Streich spielen. Übrigens werde ich mich nicht zu Bett legen.«  comment

»Wie? Sie würden es über sich gewinnen, sieben Stunden mit uns allein zu verbringen? Ich bin überzeugt: wenn Sie nichts mehr zu sagen wissen, werden Sie einschlafen.«  comment

»Das werden wir sehen. Einstweilen will ich mein Essen auspacken. Würden Sie so grausam sein, mich allein essen zu lassen? Haben Sie Brot?«  comment

»Ja, und wir werden nicht grausam sein; wir werden zum zweitenmal mit Ihnen zu Abend essen.«  comment

»In Sie hätte ich mich verlieben müssen! Sagen Sie mir, schöne Nannetta, wenn ich in Sie so verliebt wäre wie in Angela, würden Sie mich unglücklich machen wie diese?«  comment

»Glauben Sie wirklich, daß eine solche Frage zulässig sei? Nur ein Geck kann sie stellen. Ich kann Ihnen weiter nichts sagen als: ich weiß nichts davon.«  comment

Schnell legten sie drei Gedecke auf und brachten mit fröhlichem Lachen Brot, Parmesankäse und Wasser. Dann gingen sie ans Werk. Der Cyperwein, an den sie nicht gewöhnt waren, stieg ihnen zu Kopf, und ihre Lustigkeit wurde entzückend. Wie ich sie so sah, war ich erstaunt, daß ich ihre Vorzüge nicht früher zu würdigen gewußt hatte.  comment

Nach unserem köstlichen kleinen Abendessen setzte ich mich zwischen die beiden, ergriff ihre Hände, die ich an die Lippen führte, und fragte sie, ob sie meine wahren Freundinnen seien und ob sie nicht die unwürdige Art und Weise mißbilligten, wie Angela mich behandelt hätte. Sie antworteten mir wie aus einem Munde, sie hätten meinetwegen Tränen vergossen. »So gestatten Sie denn,« rief ich aus, »daß ich Ihnen die Zärtlichkeit eines Bruders entgegenbringe, und teilen Sie sie, wie wenn Sie meine Schwestern wären; geben wir uns in der Unschuld unserer Herzen Pfänder dafür und schwören wir uns ewige Treue!«  comment

Der erste Kuß, den ich ihnen gab, war frei von verliebtem Gefühl und von jedem Wunsch, sie zu verführen; die beiden Mädchen versicherten mir einige Tage später, sie hätten meine Küsse nur erwidert, um mich zu überzeugen, daß sie meine ehrenwerten brüderlichen Gefühle teilten; aber diese unschuldigen Küsse entzündeten sehr bald in uns eine Feuersbrunst, über die wir sehr erstaunt sein mußten; denn einige Augenblicke später hielten wir inne und sahen uns ganz überrascht und mit sehr ernsten Gesichtern an. Beide Mädchen standen in ungezwungener Weise auf, und ich befand mich mit meinen Gedanken allein. Es war kein Wunder, daß diese Küsse in meiner Seele ein Feuer entzündet hatten und daß die Glut, die durch meine Adern rollte, mich plötzlich mit leidenschaftlicher Liebe zu den reizenden jungen Mädchen erfüllte. Sie waren beide hübscher als Angela, und Nannetta war ihr an Klugheit, Martina an sanftem und naivem Charakter weit überlegen. Ich war ganz überrascht, daß ich ihre vortrefflichen Eigenschaften nicht früher gewürdigt hatte; da aber die jungen Damen aus adeliger und sehr anständiger Familie waren, so durfte der Zufall, der sie in meine Arme geführt hatte, ihnen nicht verhängnisvoll werden. Ich war nicht so eitel, zu glauben, daß sie mich liebten; aber ich konnte annehmen, daß meine Küsse auf sie dieselbe Wirkung gehabt hatten, wie die ihrigen auf mich. Indem ich hierüber nachdachte, sah ich klar und deutlich, daß ich mit List und Hilfe von Kunstgriffen, deren Tragweite sie nicht kennen konnten, im Laufe der langen Nacht, die ich mit ihnen verbringen sollte, sie leicht zu Gefälligkeiten bewegen könnte, deren Folgen möglicherweise sehr bedeutsam wären. Dieser Gedanke erfüllte mich mit Entsetzen, und ich machte es mir zum strengen Gesetz, ihre Unschuld zu schonen; daß ich die Kraft haben würde, meinem Vorsatz getreu zu bleiben, daran zweifelte ich nicht.  comment

Als sie wieder erschienen, sah ich auf ihren Gesichtern den Ausdruck der Sicherheit und Zufriedenheit, und ich nahm schnell dieselbe Miene an, fest entschlossen, mich der Gefahr ihrer glühenden Küsse nicht mehr auszusetzen.  comment

Wir verbrachten eine Stunde damit, von Angela zu sprechen, und ich sagte ihnen, ich fühlte mich entschlossen, sie nicht mehr zu sehen, denn ich sei überzeugt, daß sie mich nicht liebe. »Sie liebt Sie,« sagt mir die naive Martina, »dessen bin ich sicher. Aber wenn Sie nicht die Absicht haben, sie zu heiraten, so werden Sie gut tun, gänzlich mit ihr zu brechen; denn sie ist entschlossen, Ihnen nicht einmal einen einzigen Kuß zu bewilligen, solange Sie nur ihr Liebhaber sind; Sie müssen sich also entschließen, sie aufzugeben, oder Sie müssen darauf gefaßt sein, daß sie Ihnen nicht im geringsten entgegenkommen wird.«  comment

»Sie sprechen wie ein Engel; aber wie können Sie so bestimmt wissen, daß sie mich liebt?«  comment

»Dies weiß ich ganz bestimmt; und da wir uns geschwisterliche Freundschaft versprochen haben, so kann ich Ihnen auch sagen warum: Wenn Angela bei uns schläft, umarmt sie mich zärtlich und nennt mich ihren lieben Abbate.«  comment

Bei diefen Worten lachte Nannetta laut auf und legte ihr die Hand auf den Mund. Aber dieses naive Geständnis regte mich so auf, daß ich große Mühe hatte, mich zu beherrschen. Martina sagte zu Nannetta, da ich doch so sehr klug wäre, so könnte es mir unmöglich unbekannt sein, wie es unter jungen Mädchen zuginge, die zusammen schliefen.  comment

»Natürlich«, beeile ich mich zu sagen, »sind diese kleinen Scherze jedermann bekannt, und ich glaube nicht, meine liebe Nannetta, daß Sie dieses freundschaftliche Eingeständnis Ihrer Schwester zu indiskret gefunden haben.«  comment

»Es ist einmal geschehen; aber solche Sachen sagt man nicht. Wenn Angela es wüßte …!«  comment

»Sie würde in Verzweiflung sein; aber Martina hat mir damit einen solchen Freundschaftsbeweis geliefert, daß ich ihr bis an mein Lebensende dankbar dafür sein werde. Ubrigens ist die Sache erledigt. Ich verabscheue Angela und werde kein Wort mehr mit ihr reden. Sie ist eine falsche Person; sie will mich nur zugrunde richten.«  comment

»Aber wenn sie Sie liebt, hat sie nicht unrecht, daß sie von Ihnen geheiratet sein will.«  comment

»Zugegeben; aber sie denkt nur an sich selber; denn da sie weiß, was ich leide – könnte sie wohl so handeln, wenn sie mich um meiner selbst willen liebte? Unterdessen liefert ihre Phantasie ihr die Mittel, ihre Begierden mit unserer reizenden Martina zu beschwichtigen, die so freundlich ist, bei ihr Gattenstelle zu vertreten!«  comment

Über diese Worte lachte Nannetta noch herzlicher; ich blieb aber ernst und sprach noch eine Weile zu ihrer Schwester immer in demselben Ton, wobei ich ihrer Aufrichtigkeit das höchste Lob zollte.  comment

Zuletzt sagte ich ihr, ohne Zweifel müßte Angela in Erwiderung ihrer Gefälligkeit auch ihr als Gatte dienen; aber sie antwortete lachend, Angela sei nur Nannettens Mann, und Nannetta mußte dies zugeben.  comment

»Aber wie nennt denn,« fragte ich von neuem, »Nannetta in ihren Liebesverzückungen ihren Mann?«  comment

»Das weiß kein Mensch.«  comment

»Sie lieben also einen, Nannetta?«  comment

»Das ist wahr; aber niemand wird mein Geheimnis je erfahren.«  comment

Diese Zurückhaltung brachte mich auf den Gedanken, daß das süße Geheimnis möglicherweise etwas mit meiner eigenen Person zu tun haben könnte und daß vielleicht Nannetta eine Nebenbuhlerin Angelas wäre. Durch unsere anziehende Unterhaltung bekam ich allmählich Lust, mit zwei so reizenden Mädchen, die zur Liebe geschaffen waren, die Nacht nicht müßig zu verbringen. »Ich bin recht glücklich,« sagte ich zu ihnen, »daß ich für Sie nur freundschaftliche Gefühle empfinde, denn sonst würde ich in großer Verlegenheit sein, wie ich mit Ihnen die Nacht verbringen wollte, ohne in Versuchung zu geraten, Ihnen Beweise meiner Zärtlichkeit zu liefern und von Ihnen solche zu empfangen; denn Sie sind alle beide entzückend hübsch und ganz danach angetan, jedem Manne den Kopf zu verdrehen, den Sie instand setzen, Sie genauer kennenzulernen.« Während ich in ähnlichem Sinne noch weiter sprach, tat ich, als bekäme ich Lust zu schlafen. Nannetta bemerkte es zuerst und sagte mir: »Machen Sie nur keine Umstände; legen Sie sich zu Bett. Wir gehen ins andere Zimmer und schlafen auf dem Kanapee.«  comment

»Ich würde mir selber als ein ganz erbärmlicher Mensch vorkommen, wenn ich das täte. Wir wollen weiter plaudern; meine Müdigkeit wird vorübergehen. Es tut mir nur um Ihretwegen leid. Legen Sie sich ins Bett, meine reizenden Freundinnen; ich werde ins Nebenzimmer gehen. Wenn Sie Angst vor mir haben, so schließen Sie sich ein; aber Sie würden mir unrecht tun, denn ich liebe Sie nur aus brüderlichem Herzen.«  comment

»Das werden wir niemals tun!« rief Nannetta. »Aber lassen Sie sich überreden: schlafen Sie hier!«  comment

»In meinen Kleidern kann ich nicht schlafen.«  comment

»So ziehn Sie sich doch aus! Wir werden nicht hinsehen.«  comment

»Davor habe ich keine Angst; aber ich könnte niemals einschlafen, wenn ich sähe, daß Sie um meinetwillen wachen müßten.«  comment

»Wir werden uns ebenfalls ins Bett legen,« sagte Martina, »aber ohne uns auszuziehen.«  comment

»Das ist ein Mißtrauen, das eine Beleidigung für meine Ehrenhaftigkeit enthält. Sagen Sie mir, Nannetta, ob Sie mich für einen ehrenhaften Menschen halten?«  comment

»Ja, gewiß!«  comment

»Schön; aber Sie müssen mich davon überzeugen. Legen Sie sich daher entkleidet neben mich und rechnen Sie auf mein Ehrwort, daß ich Sie nicht berühren werde. Übrigens sind Sie zwei gegen einen; was können Sie fürchten? Stände es Ihnen nicht frei, das Bett zu verlassen, sobald ich unartig werden sollte? Kurz und gut, wenn Sie nicht einwilligen, mir diesen Vertrauensbeweis zu geben, wenigstens sobald Sie mich eingeschlafen sehen, so werde ich mich nicht ins Bett legen.«  comment

Hierauf schwieg ich und tat, als ob ich einschliefe. Nachdem Sie sich einen Augenblick leise besprochen hatten, sagte Martina mir, ich möchte nur zu Bett gehen; sie würden mir folgen, sobald sie mich eingeschlafen sähen. Nachdem auch Nannetta dieses Versprechen mir bestätigt hatte, wandte ich ihnen den Rücken zu, kleidete mich aus und legte mich ins Bett, nachdem ich ihnen gute Nacht gewünscht hatte. Sobald ich im Bette lag, tat ich, als ob ich einschliefe; bald aber überfiel mich der Schlaf wirklich, und ich wachte erst auf, als sie sich zu mir legten. Ich legte mich auf die andere Seite, wie wenn ich wieder einschlafen wollte, und blieb ruhig liegen, bis ich annehmen konnte, daß sie eingeschlafen wären; und wenn sie noch nicht eingeschlafen waren, so konnten sie doch so tun. Sie hatten mir den Rücken zugedreht und das Licht war ausgeblasen; ich ging also aufs Geratewohl vor und wandte mich mit meinen ersten Huldigungen an die, die mir zur Rechten lag, ohne zu wissen, ob es Nannetta oder Martina war. Ich fand sie zusammen gekauert und in das Hemd eingewickelt, das sie allein anbehalten hatte. Ohne Gewalt anzuwenden und ihre Schamhaftigkeit schonend, brachte ich sie allmählich so weit, daß sie sich für besiegt erklären mußte und nichts Besseres tun konnte, als mich gewähren zu lassen und sich schlafend zu stellen. Bald wirkte auch die Natur in ihr und unterstützte mich; ich gelangte zum Ziel. Meine Anstrengungen waren von vollem Erfolge gekrönt, und es blieb mir kein Zweifel, daß ich die Erstlinge erhalten hatte, auf die wir vielleicht nur aus Vorurteil so hohen Wert legen. Entzückt, einen Genuß gekostet zu haben, den ich in vollem Umfange selber jetzt zum erstenmal kennengelernt hatte, verließ ich leise meine Schöne, um der anderen einen neuen Tribut meiner Liebesglut darzubringen.  comment

Ich fand sie unbeweglich auf den Rücken liegen, in der Stellung einer Person, die in einen tiefen, ruhigen Schlaf versunken ist. Vorsichtig mich ihr nähernd, wie wenn ich sie aufzuwecken fürchtete, begann ich zunächst ihren Sinnen zu schmeicheln, wobei ich mich überzeugte, daß sie ebenso unberührt war, wie ihre Schwester. Sobald ich aber an einer unwillkürlichen Bewegung gemerkt hatte, daß der Liebesgott die Gabe anzunehmen bereit war, begann ich das Opfer zu vollziehen. Da gab sie plötzlich dem lebhaften Gefühl nach, das sie erregte; wie wenn sie es müde wäre, noch weiter Komödie zu spielen, schloß sie mich im Augenblick der Krise eng in ihre Arme, bedeckte mich mit Küssen, erwiderte meine Ekstase mit gleichen Verzückungen, und die Liebe verschmolz unsere Seelen in gleicher Wollust. An diesen Zeichen glaubte ich Nannetta zu erkennen; ich sagte es ihr.  comment

»Ja, ich bin's!« sagte sie; »und ich erkläre mich und meine Schwester für glücklich, wenn du ehrenhaft und treu bist.«  comment

»Bis in den Tod, meine Engel! Und da alles, was wir getan haben, das Werk der Liebe ist, so sei unter uns von Angela nicht mehr die Rede!«  comment

Ich bat sie dann aufzustehen und Kerzen anzuzünden; aber Martina sprang dienstwillig sofort aus dem Bett und ließ uns beisammen liegen. Als ich Nannetta, vom Feuer der Liebe beseelt, in meinen Armen hielt, während Martina, eine Kerze in der Hand, vor uns stand und mit ihren Blicken uns der Undankbarkeit zu bezichtigen schien, weil wir ihr nichts sagten, während sie doch zuerst sich meinen Liebkosungen ergeben und dadurch ihre Schwester ermutigt hatte, es ihr nachzutun – da fühlte ich mein ganzes Glück.  comment

»Stehen wir auf, meine Freundinnen,« rief ich aus, »und schwören wir uns ewige Freundschaft!«  comment

Sobald wir aufgestanden waren, machten wir uns gegenseitig Abwaschungen, über die sie herzlich lachten, und bei denen unsere Begierden sich erneuerten; dann aßen wir im Kostüm des goldenen Zeitalters, was wir von unserer Abendmahlzeit übriggelassen hatten. Nachdem wir uns hunderterlei gesagt hatten, was nur die Liebe in der Trunkenheit der Sinne verdolmetschen darf, legten wir uns wieder zu Bett, und die köstlichste Nacht verging in gegenseitigen Bezeugungen unserer Glut. Nannetta empfing den letzten Beweis meiner Zärtlichkeit; denn da Frau Orio bereits in die Messe gegangen war, mußte ich meinen Abschied beschleunigen; ich gab ihnen noch einmal die Versicherung, daß sie in meinem Herzen alle Gefühle für Angela ausgelöscht hätten. In meiner Wohnung angekommen, legte ich mich zu Bett und tat den süßesten Schlaf, bis es Zeit zum Mittagessen war.  comment

Herr von Malipiero sah an mir ein fröhliches Gesicht und müde Augen; ich war aber verschwiegen, sagte ihm nichts und ließ ihn sich denken, was er wollte. Zwei Tage darauf machte ich einen Besuch bei Frau Orio; und da Angela nicht da war, blieb ich zum Abendessen und ging zusammen mit Herrn Rosa fort. Während meines Besuches fand Nannetta Gelegenheit, mir einen Brief und ein Päckchen zuzustecken. Das Päckchen enthielt ein Stück Wachs mit dem Abdruck eines Schlüssels, und in dem Briefe stand, ich solle den Schlüssel anfertigen lassen und mich desselben bedienen, um mit ihnen die Nacht zu verbringen, so oft ich Lust hätte. Außerdem teilte sie mir mit, daß Angela die vorige Nacht bei ihnen gewesen sei und alles Vorgefallene erraten habe; sie hätten es eingeräumt und ihr vorgeworfen, daß nur sie schuld daran gewesen sei; daraufhin hätte sie ihnen die stärksten Beleidigungen gesagt und erklärt, sie werde ihren Fuß nicht mehr in ihr Haus setzen; aber das wäre ihnen höchst gleichgültig.  comment

Einige Tage darauf befreite uns das Glück von Angela; ihr Vater war auf mehrere Jahre nach Vicenza berufen worden, um dort in einigen Wohnungen Fresken zu malen, und er nahm sie mit. Dank ihrer Abweseneit fand ich mich im ruhigen Besitz dieser reizenden beiden Mädchen, mit denen ich jede Woche mindestens zwei Nächte verbrachte, da ich mit Hilfe des Schlüssels, den ich sofort hatte anfertigen lassen, jederzeit leichten Zugang hatte.  comment

Wir befanden uns in den letzten Tagen des Karnevals, als Herr Manzoni mir sagte, die berühmte Giulietta wünsche mich zu sprechen; sie habe sehr bedauert, daß sie mich nicht mehr bei sich sehe. Ich war neugierig, was sie mir wohl zu sagen hätte, und ging mit ihm zu ihr. Nachdem sie mich recht höflich empfangen hatte, sagte sie, sie wisse, ich hätte in meinem Hause einen schönen Saal, und sie wünsche, daß ich ihr einen Ball gebe, dessen sämtliche Kosten sie bestreiten werde. Ich erklärte mich einverstanden. Sie übergab mir vierundzwanzig Zechinen und schickte ihre Leute zu mir, um meinen Saal und meine Zimmer mit Kronleuchtern zu versehen; ich für meinen Teil hatte mich nur um das Orchester und das Abendessen zu bekümmern. Herr von Sanvitali war bereits abgereist, und die Regierung von Parma hatte ihn unter Kuratel gestellt. Ich habe den Kavalier zehn Jahre später in Versailles wiedergesehen; er war damals mit dem königlichen Orden dekoriert als Oberhofstallmeister der Herzogin von Parma, Ludwigs des Fünfzehnten ältester Tochter, die wie alle Prinzessinnen des Hauses Frankreichs sich niemals an den Aufenthalt in Italien gewöhnen konnte.  comment

Mein Ball fand statt, und alles verlief sehr gut. Die Gäste gehörten sämtlich zu Giuliettas Kreis, mit Ausnahme der Frau Orio, ihrer Nichten und des Sachwalters Rosa, die sich im Nebenzimmer befanden, da ich Erlaubnis erhalten hatte, als Personen ohne Bedeutung sie einzuladen.  comment

Während nach dem Abendessen Menuett getanzt wurde, nahm die Schöne mich beiseite und sagte mir: »Führen Sie mich auf Ihr Zimmer; mir ist etwas Lustiges eingefallen; wir werden lachen.«  comment

Mein Zimmer lag im dritten Stock; ich führte sie hinauf. Sobald wir drinnen waren, sah ich sie den Riegel vorschieben; ich wußte nicht, was ich davon denken sollte. »Ich wünsche,« sagte sie zu mir, »daß Sie mich mit einem Ihrer Anzüge vollständig als Abbate verkleiden; ich werde Ihnen dafür meine Kleider anziehen. In dieser Verkleidung gehen wir wieder hinunter und tanzen zusammen. Schnell, lieber Freund, zu allererst wollen wir uns die Haare zurechtmachen!«  comment

Eines süßen Lohnes sicher und entzückt über das seltene Abenteuer, ordne ich ihr schnell ihr langes Haar rund um den Kopf; dann lasse ich mich von ihr frisieren. Sie legt mir rote Schminke und Schönheitspflästerchen auf; ich lasse alles mit mir geschehen und sage ihr, daß mir die Sache Spaß mache; hierfür bewilligt sie mir sehr liebenswürdig einen Kuß, unter der Bedingung, daß ich nicht mehr verlange. »Nur von Ihnen, schöne Giulietta«, sage ich, »hängt alles ab; ich sage Ihnen aber offen heraus: ich bete Sie an!«  comment

Ich lege auf mein Bett ein Hemd, Bäffchen, Unterhosen, schwarze Strümpfe und einen vollständigen Anzug. Sie läßt ihren Rock fallen und zieht geschickt die Unterhosen an, die sie für gut erklärt; als es aber zum Anziehen der Hose kommt, geht das nicht so leicht: der Bund ist zu eng, und dabei ist nichts anderes zu machen, als sie hinten aufzutrennen oder erforderlichenfalls etwas aufzuschneiden. Ich übernehme es, alles in Ordnung zu bringen und setze mich auf mein Bett; sie stellt sich vor mich hin und dreht mir den Rücken zu. Ich arbeite; aber sie findet, ich wolle zuviel sehen, ich benehme mich ungeschickt und berühre sie, wo es nicht nötig sei; sie wird ungeduldig, läuft mir davon, reißt den Hosenbund entzwei und bringt die Sache in Ordnung, so gut es geht. Hierauf helfe ich ihr, Strümpfe und Schuhe anzulegen und ziehe ihr das Hemd über; als ich aber Spitzenkrause und Bäffchen zurecht mache, findet sie meine Hände zu neugierig; ihr Busen war nämlich nicht allzu gut ausgestattet. Sie sagte mir tausend Beleidigungen, nannte mich unehrenhaft; ich ließ sie ruhig reden. Ich hielt darauf, daß sie mich nicht als Dummkopf ansehen sollte; übrigens war ich der Meinung, ein Weib, für das einer hunderttausend Dukaten bezahlt hatte, wäre wohl der Mühe wert, etwas näher betrachtet zu werden. Endlich ist sie mit ihrem Anzuge fertig, und nun komme ich an die Reihe.  comment

Schnell ziehe ich meine Hose aus, obgleich sie sich dem widersetzen will; dann muß sie nur ein Hemd und einen Rock anziehen, kurz und gut: mich ankleiden. Plötzlich aber fängt sie an sich zu zieren und erzürnt sich darüber, daß ich keineswegs die sehr augenscheinliche Wirkung ihrer Reize verberge; sie weigert sich mir die Gunst zu bewilligen, die mich in einem Augenblick wieder ruhig gemacht haben würde. Ich will ihr einen Kuß geben; sie sträubt sich; ich werde ungeduldig und lasse sie wider ihren Willen den Schlußakt meiner Aufregung mit ansehen. Bei diesem Anblick fängt sie an zu schimpfen; ich beweise ihr, daß sie unrecht hat; aber vergebens. Trotz ihrem Ärger mußte sie aber doch mir behilflich sein, mich fertig anzuziehen.  comment

Offenbar würde eine anständige Frau, die sich auf ein derartiges Abenteuer einließe, zärtliche Absichten dabei haben und würde diese nicht in dem Augenblick ableugnen, wo sie sähe, daß sie von der anderen Seite geteilt werden; aber Frauen von Giuliettas Art beherrscht ein Widerspruchsgeist, der sie zu Feindinnen ihrer selbst macht. Übrigens glaubte Giulietta selbst angeführt zu sein, als sie sah, daß ich nicht schüchtern war, und meine Leichtfertigkeit erschien ihr als ein Mangel an Respekt. Es wäre ihr wohl recht gewesen, hätte ich ihr heimlich einige geringe Gunstbezeugungen geraubt; diese hätte sie mir bewilligen können, ohne daß es weiter was auf sich gehabt hätte; aber damit hätte ich zu sehr ihrem Selbstgefühl geschmeichelt.  comment

Als wir mit unserer Verkleidung fertig waren, gingen wir zusammen nach dem Saal hinunter, wo wiederholter Beifall uns bald in gute Laune versetzte. Alle Welt schrieb mir ein Liebesabenteuer zu, das ich nicht gehabt hatte; es war mir aber ganz recht, die Leute in ihrem Glauben zu lassen, und ich begann mit meinem falschen Abbate zu tanzen, den ich zu meinem großen Bedauern reizend fand. Giulietta behandelte mich die ganze Nacht hindurch so gut, daß ich ihr verändertes Benehmen als eine Art von Reue auffaßte und daß mir mein Verhalten gegen sie fast schon leid tun wollte; dies war eine Anwandlung von Schwäche, für die ich bestraft wurde.  comment

Als nach dem Kontertanz alle Kavaliere sich berechtigt fühlten, sich Freiheiten gegen den verkleideten Abbate herauszunehmen, ließ ich mich ebenfalls den jungen Mädchen gegenüber gehen, die sich meinen Liebkosungen nicht entzogen, da sie durch Widerstand sich lächerlich zu machen fürchteten. Herr Querini richtete an mich die dumme Frage, ob ich meine Hosen anbehalten hätte; und als ich ihm antwortete, ich hätte sie Giulietta geben müssen, setzte er sich traurig in eine Ecke des Saales und tanzte nicht mehr.  comment

Da sehr bald die ganze Gesellschaft bemerkt hatte, daß ich ein Frauenhemd trug, zweifelte niemand mehr daran, daß das Opfer vollzogen wäre – mit Ausnahme von Martina und Nannetta, die sich nicht vorstellen konnten, daß ich imstande wäre, ihnen untreu zu werden. Giulietta bemerkte, daß sie eine große Unbesonnenheit begangen hatte; aber das Unglück war nun einmal geschehen, und nichts mehr dagegen zu machen.  comment

Als wir einige Zeit darauf wieder auf mein Zimmer gegangen waren, glaubte ich sie umarmen und ihre Hand ergreifen zu können, um ihr zu beweisen, daß ich bereit sei, ihr Genugtuung zu geben; ich glaubte nämlich, sie habe ihr Benehmen bereut, und war außerdem wirklich ein bißchen in sie verliebt. Aber im selben Augenblick gab sie mir eine so starke Ohrfeige, daß ich in meiner Entrüstung beinahe den Schlag erwidert hätte. Ich entkleidete mich in aller Eile und ohne sie anzusehen; sie zog sich ebenfalls um, und wir begaben uns wieder zur Gesellschaft. Obwohl ich mich reichlich mit kaltem Wasser abgespült hatte, konnte doch jeder auf meinem Gesicht die Spur sehen, die ihre plumpe Hand hinterlassen hatte.  comment

Bevor sie ging, nahm sie mich auf die Seite und sagte mir im festesten und bestimmtesten Ton: wenn ich Lust hätte, mich aus dem Fenster werfen zu lassen, so brauchte ich nur bei ihr zu erscheinen; sie würde mich ermorden lassen, wenn das Vorgefallene bekannt würde.  comment

Ich hütete mich wohl, ihr zu dem einen wie zu dem anderen Anlaß zu geben; aber ich konnte nicht verhindern, daß unser Hemdenaustausch bekannt wurde. Da man mich gar nicht mehr bei ihr verkehren sah, so glaubte man, sie habe Herrn Querini diese Genugtuung geben müssen. Der Leser wird sehen, wie sechs Jahre später dieses eigentümliche Mädchen sich stellen mußte, als habe sie die ganze Geschichte vergessen.  comment

Ich verbrachte die Fastenzeit zum Teil mit meinen beiden Engeln, die mich immer mehr beglückten, zum Teil mit dem Studium der Experimentalphysik im Kloster della Salute; abends besuchte ich die im Hause des Herrn von Malipiero sich versammelnde Gesellschaft.  comment

Nach Ostern aber begab ich mich infolge einer Einladung der Gräfin von Monte Reale nach Paseano, ungeduldig meine liebe Lucia wieder zu sehen. Ich traf dort eine ganz andere Gesellschaft, als die vom vorigen Herbst gewesen war. Graf Daniele, der älteste Sohn der Familie, hatte eine Gräfin Gozzi geheiratet, und ein junger reicher Pächter, der eine Patin der alten Gräfin geheiratet hatte, war mit seiner Frau und Schwägerin zu Besuch. Das Abendessen kam mir sehr lang vor. Man hatte mich wieder in meinem alten Zimmer untergebracht, und ich sehnte mich Lucia zu sehen, die ich nicht mehr wie ein Kind zu behandeln gedachte.  comment

Da ich sie vor dem Zubettgehen nicht gesehen hatte, erwartete ich sie unfehlbar am anderen Morgen beim Erwachen zu sehen; aber wen sehe ich statt ihrer erscheinen? Eine häßliche dicke Magd. Ich frage sie nach der Familie; sie antwortet mir jedoch in ihrer Mundart, und ich verstehe nichts.  comment

Unruhig frage ich mich, was aus Lucia geworden sein mag. Sollte man unseren vertrauten Verkehr entdeckt haben? Sollte sie etwa krank sein oder tot? Ich sage nichts, ziehe mich an und nehme mir vor, sie zu suchen. »Wenn man ihr verboten hat, mich zu besuchen,« sage ich bei mir selber, »so werde ich mich rächen; denn ich werde auf irgendeine Art ein Mittel finden mit ihr zu sprechen, und werde aus Rache mit ihr machen, was ich trotz meiner Liebe aus Ehrenhaftigkeit nicht getan habe.«  comment

Da tritt mit trauriger Miene der Hausmeister ein. Ich frage ihn, wie es seiner Frau, seiner Tochter gehe; aber bei diesem Namen kommen ihm die Tränen in die Augen.  comment

»Ist sie tot?«  comment

»Wollte Gott, sie wäre es!«  comment

»Was hat sie getan?«  comment

»Sie ist mit dem Läufer des Herrn Grafen Daniele durchgegangen, und wir wissen nicht, wo sie sein mag.«  comment

Seine Frau kommt dazu; und durch unser Gespräch erneuert sich ihr Schmerz; sie wird ohnmächtig. Als der Hausmeister sieht, daß ich aufrichtig an ihrer Trauer Anteil nehme, sagt er mir, das Unglück habe sie erst vor acht Tagen getroffen. »Ich kenne den Läufer,« sage ich, »er ist ein Schuft. Hat er Sie um die Hand Ihrer Tochter gebeten«?  comment

»Nein! Denn er war sicher, daß wir sie ihm nicht gegeben haben würden.«  comment

»Ich wundere mich über Lucia.«  comment

»Er hat sie verführt, und erst nach ihrer Flucht haben wir die Wahrheit geahnt; sie war sehr dick geworden.«  comment

»Sie hatten also schon seit langer Zeit miteinander verkehrt?«  comment

»Sie hat ihn ungefähr einen Monat nach Ihrer Abreise kennengelernt. Er muß sie behext haben, denn Lucia war unschuldig wie eine Taube; das können Sie, glaube ich, mit gutem Gewissen bezeugen.«  comment

»Und niemand weiß, wo sie sind?«  comment

»Kein Mensch! Und Gott weiß, was der elende Kerl aus ihr machen wird!«  comment

Ebenso betrübt wie diese braven Leute, ging ich aus und wanderte im Wald herum, um meine Traurigkeit zu verwinden. Ich verbrachte zwei Stunden in guten und schlechten Betrachtungen, die alle mit wenn anfingen. Wäre ich, wie ich es leicht hätte tun können, schon vor acht Tagen hingenommen, so hätte meine zärtliche Lucia alles mir anvertraut, und ich hätte diese Schandtat verhindert. Hätte ich es mit ihr gemacht, wie mit Nannetta und Martina, so wäre sie nicht bei meiner Abreise in einer Aufregung gewesen, die ohne Zweifel die Hauptursache ihres Fehlgriffs war. Hätte sie mich nicht vor dem Läufer gekannt, so würde ihre bis dahin reine Seele nicht auf ihn gehört haben. Voll Verzweiflung gestand ich mir selber ein, daß ich das Werkzeug des niederträchtigen Verführers war. Ich hatte für ihn gearbeitet.  comment

El fior che sol potea pormi fra dei,
Qual fior he intatto io mia venia serbando
Per non turbar, ohimè! l'animo casto,
Ohimè il bel fior colui m'ga colto, e guasto. 2)  comment

Hätte ich gewußt, wo ich sie finden könnte, ich wäre ganz gewiß auf der Stelle aufgebrochen, sie ihren Eltern zurückzuführen; aber es fehlte jedes Anzeichen, wo sie sich aufhalten könnte. Bevor Lucias Unglück mir bekannt wurde, war ich eitel, ja sogar stolz darauf gewesen, daß ich soviel Selbstbeherrschung besessen hatte, sie unberührt zu lassen; jetzt aber schämte ich mich und bereute meine Zurückhaltung; ich nahm mir fest vor, in Zukunft in dieser Beziehung mich vernünftiger zu benehmen. Untröstlich machte mich der Gedanke, daß das unglückliche Mädchen dem Elend und vielleicht der Schande verfallen sei, daß sie mein Andenken verfluchen und mich als ersten Urheber ihres Unglücks hassen werde. Infolge dieses traurigen Ereignisses wandte ich mich einem neuen System zu, das ich dann in der Folge oft zu weit trieb.  comment

Ich ging in den Garten zu der fröhlich lärmenden Gesellschaft, die mich so gut aufnahm und mich in so gute Laune versetzte, daß ich beim Essen die ganze Tafel erheiterte. Meine Betrübnis war so groß, daß ich nur durch tolle Lustigkeit mich über sie hinwegsetzen konnte; sonst hätte ich abreisen müssen. Einen mächtigen Antrieb gab mir das schöne Gesicht und noch mehr der für mich ganz neue Charakter der Neuvermählten. Ihre Schwester war hübscher; aber ich fing an, vor solchen noch unversehrten Mädchen Angst zu bekommen; sie machen einem zuviel Arbeit.  comment

Die junge Ehefrau, die etwa neunzehn oder zwanzig Jahre alt war, fiel der ganzen Gesellschaft durch ihr geziertes Benehmen auf; sie war redselig, ihr Gedächtnis war mit Denksprüchen gespickt, die sie oft am falschen Orte anwandte, weil sie damit paradieren zu müssen glaubte; sie war fromm und in ihren Mann so verliebt, daß sie ihren Verdruß nicht verbergen konnte, wenn er bei Tisch seiner Schwägerin, der er gegenübersaß, den Hof machte und so tat, als sei er von deren Schönheit entzückt. So wirkte sie sehr komisch. Ihr Mann war ein Wirbelkopf, der vielleicht seine Frau sehr liebhatte, aber es für guten Ton hielt, sich gleichgültig gegen sie zu zeigen, und der aus Eitelkeit Spaß daran fand, ihr allerlei Gründe zur Eifersucht zu geben. Sie ihrerseits befürchtete für dumm gehalten zu werden, wenn sie nicht zu erkennen gäbe, daß sie alles merkte. Die gute Gesellschaft machte sie linkisch, gerade weil sie tat, als sei sie nur an einen Verkehr wie solcher gewöhnt. Wenn ich allerlei Unsinn vorbrachte, hörte sie mich aufmerksam an und lachte am unrechten Ort, weil sie nicht für beschränkt gelten wollte. Ihr eigentümliches, linkisches und geziertes Wesen machte mir Lust, sie besser kennenzulernen, und ich begann, ihr den Hof zu machen. Meine großen und kleinen Aufmerksamkeiten, meine Gefälligkeiten, selbst meine Narrenspossen machten es bald jedem klar, daß ich Absichten auf sie hatte. Der Ehemann wurde offen vor mir gewarnt; er aber spielte den Helden und nahm die Sache von der scherzhaften Seite, wenn man ihm sagte, er solle sich vor mir in acht nehmen. Ich meinerseits spielte den Bescheidenen, manchmal aber auch den Unbekümmerten. Seiner Rolle getreu, stachelte er mich noch an, seiner Frau den Hof zu machen, die ihrerseits sehr ungeschickt die disinvolta 3) herauskehrte.  comment

Seit fünf oder sechs Tagen hatte ich ihr eifrig den Hof gemacht, als sie bei einem Spaziergang im Garten so unvorsichtig war, mir zu sagen, warum sie so unruhig sei, und daß ihr Mann unrecht habe, ihr Anlaß dazu zu geben. Ich sagte ihr im Ton der Freundschaft, es gäbe kein besseres Mittel ihn zu bessern, als scheinbar die Aufmerksamkeiten ihres Mannes für ihre Schwester gar nicht zu bemerken und sich zu stellen, als sei sie in mich verliebt; um sie recht geneigt zu machen, meinen Vorschlag zu befolgen, sagte ich ihr, mein Plan sei sehr schwer auszuführen, denn man müsse viel Geist haben, um eine Rolle zu spielen, die solche Verstellungskunst erfordere. Damit hatte ich den empfindlichen Punkt getroffen; denn sie versicherte mir, sie werde diese Rolle ausgezeichnet spielen. Trotz dieser Versicherung benahm sie sich höchst ungeschickt, denn alle bemerkten, daß der Plan von mir stammte.  comment

Eines Tages befand ich mich allein mit ihr in einer Gartenallee, und da ich sicher war, daß uns niemand sehen konnte, so wollte ich aus der Komödie Ernst machen. Da ergriff sie das gefährliche Mittel fortzulaufen und allein zu der übrigen Gesellschaft zurückzukehren; natürlich verspottete man mich, als ich wieder erschien, als ungeschickten Jäger. Sobald ich Gelegenheit dazu fand, tadelte ich sie wegen ihres Davonlaufens und stellte ihr vor, daß sie dadurch ihrem Gatten einen großen Triumph verschafft habe. Ich lobte ihre Klugheit und tadelte ihre falsche Erziehung. Ich sagte ihr, der Ton, den ich ihr gegenüber anschlage, entspreche den Umgangsformen der guten Gesellschaft und sei ein Beweis, wie hoch ich ihre Klugheit schätze. Am elften oder zwölften Tage aber brachte sie mich mitten in meinen schönsten Redensarten außer Fassung, indem sie mir sagte, als Priester müsse ich wissen, daß außerehelicher Liebesverkehr eine Todsünde sei; Gott sehe alles, und sie wolle nicht zur Hölle verdammt werden, andererseits aber auch nicht einem Beichtvater sagen müssen, daß sie sich soweit vergessen habe, mit einem Priester zu sündigen. Ich brachte den Einwand vor, ich sei kein Priester; aber sie schmetterte mich zu Boden, indem sie mich fragte, ob etwa das von mir Beabsichtigte nicht zu den Sünden gehöre. Da ich nicht den Mut hatte, diese Frage zu verneinen, so fühlte ich, daß ich meinem Abenteuer ein Ende machen müßte.  comment

Indem ich über die Sache nachdachte, gewann ich gleich meine Ruhe wieder; mein neues Verhalten wurde bei Tisch bemerkt, und der alte Graf, der gerne einen Scherz machte, sagte laut heraus, man sehe, daß die Sache abgemacht sei. Dies schien mir ein günstiger Umstand zu sein; ich sagte meiner hartherzigen, frommen Schönen, so werde unser Fall von der Welt aufgefaßt; aber das nützte mir nichts, und ich war mit meinem Latein zu Ende. Der Zufall kam mir besser zur Hilfe; die Intrige nahm plötzlich eine ganz andere Wendung:  comment

Am Himmelfahrtstage machten wir alle einen Besuch bei Frau Bergalli, der berühmten Zierde des italienischen Parnasses. Als wir am selben Abend nach Paseano zurückfahren sollten, wollte meine schöne Pächtersfrau in einem viersitzigen Wagen Platz nehmen, worin schon ihr Mann und ihre Schwester saßen, während ich allein in einer hübschen zweiräderigen Kalesche mich befand. Ich schlug Lärm; das sei ein Zeichen von Mißtrauen; und die Gesellschaft stellte ihr vor, sie könne mir doch solchen Schimpf nicht antun. Sie stieg zu mir ein; ich sagte dem Kutscher, ich wolle den kürzesten Weg fahren, und er trennte sich von dem anderen Wagen und wählte den Weg durch den Wald von Cequini. Bei unserer Abfahrt war der Himmel heiter, aber es war noch keine halbe Stunde vergangen, da erhob sich ein Gewitter, wie sie im Süden häufig vorkommen: es sieht aus, als wollten die Elemente die ganze Welt auf den Kopf stellen, aber es kommt gar nichts dabei heraus: der Himmel ist bald wieder klar und die Luft ist gereinigt und erfrischt. Daher sind solche Unwetter im Grunde nur angenehm.  comment

»O Himmel!« rief meine Pächtersfrau; »wir werden ein Gewitter kriegen.«  comment

»Ja, und trotz dem Verdeck unserer Kalesche wird der Regen Ihr schönes Kleid verderben; das tut mir recht leid.«  comment

»Auf das Kleid kommt es nicht an; aber ich habe Angst vor dem Donner.«  comment

»Halten Sie sich die Ohren zu.«  comment

»Und der Blitz?«  comment

»Kutscher, wir wollen irgendwo einkehren.«  comment

»Die nächsten Häuser, Herr Abbate, sind eine halbe Stunde entfernt; bevor wir dahin kommen können, wird das Gewitter vorüber sein.«  comment

Er fuhr ruhig weiter. Blitze zucken, Donner rollen, meine Pächterin zittert an allen Gliedern. Der Regen fällt in Strömen; ich ziehe meinen Mantel aus, um uns von vorne damit zu bedecken; im selben Augenblick sind wir wie geblendet: hundert Schritte vor uns schlägt der Blitz ein, die Pferde bäumen sich, und meine arme Begleiterin fällt in Krämpfe. Sie wirft sich auf mich und umschlingt mich eng. Ich bücke mich, um den heruntergefallenen Mantel aufzuheben, mache mir die Gelegenheit zunutze und hebe ihren Rock hoch. Sie macht eine Bewegung, um ihr Kleid wieder herunterzustreifen, aber im selben Augenblick bricht ein neuer Donnerschlag los, und sie kann vor Angst kein Glied rühren. Ich suche sie mit meinem Mantel zu bedecken und ziehe sie an mich; die Bewegung des Wagens kommt mir dabei zu Hilfe, und sie sinkt in der glücklichsten Stellung über mich hin. Ich verliere keine Zeit, tue, als brächte ich meine Uhr in der Westentasche in Ordnung, und mache mich sturmfertig. Sie fühlt, daß sie mir nicht entwischen kann, wenn sie mich nicht schnell an meinem Vorhaben verhindert; sie sträubt sich; ich halte sie aber fest und sage ihr: wenn sie nicht tue, als sei sie ohnmächtig, so werde der Kutscher alles sehen, sobald er sich umdrehe. Ich gönne ihr das Vergnügen, mich einen ruchlosen Taugenichts und sonst noch allerlei zu schimpfen, und erringe den vollständigsten Sieg, den je ein Athlet davongetragen hat.  comment

Der Regen fiel immer noch in Strömen, der sehr starke Wind blies uns gerade entgegen; sie mußte daher in ihrer Stellung bleiben, aber sie sagte mir, ich richte ihre Ehre zugrunde, denn der Kutscher könne alles sehen.  comment

»Ich sehe ihn ja,« antworte ich; »er denkt nicht dran, sich umzudrehen; aber selbst wenn er dies täte, so schützt uns der Mantel vor seinen Blicken; seien Sie vernünftig und bleiben Sie so, wie wenn Sie ohnmächtig wären; denn loslassen tue ich Sie nicht.  comment

Sie scheint sich in ihr Schicksal zu ergeben und fragt mich, wie ich es wagen könne, den Blitz herauszufordern. »Der ist mit mir im Bunde!« antworte ich. Sie ist beinahe geneigt zu glauben, daß ich die Wahrheit spreche, ihre Angst verschwindet, und da sie fühlt, daß ich in Ekstase bin, fragt sie mich, ob ich nun endlich zufrieden sei. Lächelnd verneine ich diese Frage; ich müsse ihre Einwilligung bis zum Ende des Gewitters verlangen. »Willigen Sie ein, oder ich lasse den Mantel fallen!«  comment

»Abscheulicher Mensch, der mich für mein ganzes Leben ungiücklich gemacht hat! Sind Sie jetzt zufrieden?«  comment

»Was wollen Sie denn noch?«  comment

»Eine Sintflut von Küssen!«  comment

»Wie bin ich unglücklich! aber – da!«  comment

»Sagen Sie, daß Sie mir verzeihen, und geben Sie zu, daß Sie meinen Genuß geteilt haben!«  comment

»Sie wissen es wohl; ja, ich verzeihe Ihnen.«  comment

Jetzt gab ich ihr ihre Freiheit zurück, erwies ihr gewisse Dienste und bat sie, mir dieselbe Gefälligkeit zu gönnen. Dies tat sie mit einem Lächeln auf den Lippen.  comment

»Sagen Sie mir, daß Sie mich lieben!« rief ich.  comment

»Nein! Sie sind ein gottloser Mensch; Sie werden in die Hölle kommen.«  comment

Inzwischen war das Wetter wieder schön geworden; ich brachte alles in Ordnung, küßte ihr die Hände und sagte, sie könne sich darauf verlassen der Kutscher habe nichts gesehen; ich sei überzeugt, ich habe sie von dem angstvollen Gewitter geheilt, und sie werde keinem Menschen das Geheimnis verraten, wodurch ihre Heilung bewirkt worden sei. Sie antwortete mir: zum mindesten wisse sie so viel, daß niemals eine Frau durch ein ähnliches Mittel kuriert worden sei.  comment

»Das muß«, versetzte ich, »in tausend Jahren eine Million Male vorgekommen sein. Ich will Ihnen sogar eingestehen, daß ich darauf gerechnet habe, als ich in die Kalesche stieg; denn ich sah kein anderes Mittel, in Ihren Besitz zu gelangen. Trösten Sie sich und glauben Sie mir: es gibt keine furchtsame Frau, die im gleichen Falle hätte widerstehen können.«  comment

»Ich glaube es, aber künftighin werde ich nur noch mit meinem Mann fahren.«  comment

»Da täten Sie unrecht; denn Ihr Mann hätte nicht den Geist besessen, Sie so zu trösten, wie ich es getan habe.«  comment

»Das ist auch wieder wahr. Man lernt von Ihnen eigentümliche Dinge; aber wir werden nicht mehr allein miteinander fahren.«  comment

Unter solchen Gesprächen kamen wir, eine Stunde vor den anderen, in Paseano an. Wir stiegen aus, und meine Schöne lief spornstreichs in ihr Zimmer, während ich ich meiner Börse einen Taler für den Kutscher suchte. Ich sah, daß er lachte.  comment

»Worüber lachst du?«  comment

»Sie wissen es wohl!«  comment

»Da hast du einen Dukaten; aber – halte den Mund!«  comment

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1) Sprach's. Und das Glück sucht' er die Kreuz und Quere,
Und schwankend tappte er gleich einem Blinden;
Wie oft umarmte er die Luft, die leere,
Und stand im Wahn, die schöne Maid zu finden!
2) Die Blume, die zu einem Gott mich machte,
Die Blume, die ich unberührt gelassen,
Um ihrer Seele Keuschheit nicht zu töten –
Er hat sie, ach! gepflückt, hat sie zertreten!
3) die Ungezwungene
edition/conrad/005.txt · Last modified: 2011/01/09 21:53 by selfthinker